Kon­zepte im Ver­gleich: „Implan­tat­ma­te­ria­lien“

Inter­view mit Prof. Dr. Dr. Wil­fried Wagner

 

Was macht den Wett­streit ver­schie­dener Kon­zepte bei Ihrem Thema im Augen­blick beson­ders span­nend?

Ganz ohne Frage ist Titan seit den sieb­ziger Jahren des letzten Jahr­hun­derts im Bereich der enos­salen Implan­to­logie der welt­weit am häu­figsten ver­wen­dete Werk­stoff, wobei ins­be­son­dere durch Ober­flä­chen­mo­di­fi­ka­tionen (Rau­ig­keit; Hydro­philie etc.) seit den grund­le­genden Arbeiten von Bra­ne­mark erheb­liche Fort­schritte in der Hart- und Weich­ge­webe-Inte­gra­tion gemacht wurden. Sehr früh wurden auch kri­ti­sche Fragen zur Titan­par­tikel-Belas­tung durch Abrieb oder bio­lo­gi­sche Kor­ro­sion auf­ge­worfen, die in den letzten Jahren als mög­li­cher Kofaktor einer peri­im­plan­tären Ent­zün­dung bzw. Kno­chen­abbau bei Pati­enten mit ent­spre­chender Über­emp­find­lich­keit in der wis­sen­schaft­li­chen Lite­ratur wieder breiter dis­ku­tiert wird.
Schon sehr früh am Ende der 1970er und in den frühen 1980er Jahren wurden aber auch Kera­miken – zunächst in Form der Alu­mi­ni­um­oxid­ke­ra­miken – als enos­sale Implan­tate ein­ge­setzt. Wegen der kri­ti­schen mecha­ni­schen Sta­bi­lität und bio­lo­gi­schen Alte­rung dieser Implan­tate wurde dieser Weg jedoch bald wieder ver­lassen. Durch die Wei­ter­ent­wick­lung der mecha­nisch deut­lich bes­seren Zir­kon­oxid-Kera­miken sind diese Werk­stoffe mit einer der Titan-Ent­wick­lung ver­gleich­baren Ober­flä­chen­struk­tu­rie­rung mitt­ler­weile wieder in der kli­ni­schen Anwen­dung. In pro­spek­tiven kli­ni­schen Unter­su­chungen haben sie sich als dem Titan ver­gleichbar und ähn­lich erfolg­reich und zuver­lässig erwiesen. Kli­nisch kommen sie vor allem als ein­tei­lige Implan­tate zum Ein­satz, obwohl sich inzwi­schen auch einige zwei­tei­lige Keramik-Implantat in kli­ni­scher Anwen­dung befinden.
Span­nend bleibt dabei die Frage nach der kli­ni­schen Rele­vanz der zwei­fels­frei nach­ge­wie­senen Titan­par­tikel-Belas­tung bei bestimmten über­emp­find­li­chen Pati­en­ten­gruppen sowie die Fragen nach mög­li­chen Vor­teilen der kera­mi­schen Werk­stoffe im Rahmen der Weich­ge­we­be­in­te­gra­tion, die auch schon bei den Keramik-Abut­ments auf Titan­im­plan­taten sehr unter­schied­lich in der Lite­ratur dis­ku­tiert wurden.

Bei dem Wett­streit treten oft neue/jüngere Kon­zepte gegen ältere und eta­blierte Kon­zepte an. Haben die neueren Kon­zepte bei Ihrem Thema lang­fristig grund­sätz­lich bes­sere Chancen? Und wenn ja – warum?

Neuere Kon­zepte oder neuere Werk­stoffe wie beim Thema Implan­tat­ma­te­ria­lien haben kei­nes­wegs lang­fristig bes­sere Chancen, da ältere Kon­zepte meist eine lang­jähr­liche kon­ti­nu­ier­liche Wei­ter­ent­wick­lung erfahren haben, die neuere Werk­stoffe erst noch durch­laufen müssen. Neue Mate­ria­lien müssen sich in ver­glei­chenden kli­ni­schen Lang­zeit­stu­dien als ver­gleichbar erfolg­reich und zuver­lässig erweisen wie die eta­blierten Werk­stoffe. Ins­be­son­dere aber müssen Indi­ka­tionen geprüft werden und Pati­en­ten­kol­lek­tive, die von den mög­li­chen Vor­teilen der neuen Kon­zepte pro­fi­tieren. Es gilt auch sicher­zu­stellen, dass nicht die Limi­ta­tionen der neuen Werk­stoffe oder auch der erfor­der­liche Auf­wand über­wiegen.

Die Ent­wick­lung neuer Mate­ria­lien und Methoden ist in der Implan­to­logie beson­ders rasant. Wird der Wett­streit es auch erlauben, die Spreu vom Weizen zu trennen?

Ganz ohne Frage ist die rasante Ent­wick­lung neuer Mate­rial-Modi­fi­ka­tionen und auch Methoden so rasant, dass seriöse pro­spektiv ver­glei­chende Lang­zeit-Stu­dien kaum mög­lich sind, da bis zum Vor­liegen dieser Daten bereits neue Modi­fi­ka­tionen dis­ku­tiert und auch kli­nisch schon ange­wandt sowie teil­weise am Pati­enten auch erprobt werden. Hier werden die Vor­gaben der neuen euro­päi­schen Medi­zin­pro­dukte-Richt­linie (MDR) sicher­lich stren­gere Vor­gaben für die Zulas­sung und kli­ni­sche Prü­fungen bringen. Die Folgen dieser neuen Vor­gaben sind natür­lich zwei Seiten einer Medaille: Die neue Richt­linie kann einer­seits die Sicher­heit für die Pati­enten erhöhen, aber ande­rer­seits gege­be­nen­falls auch die Ent­wick­lung auf­grund des erfor­der­li­chen finan­zi­ellen und zeit­li­chen Auf­wand hemmen. Hier müssen kli­nisch prak­ti­kable Methoden der Nut­zen­be­wer­tung neuer Methoden oder Mate­ri­al­mo­di­fi­ka­tionen ent­wi­ckelt werden, die beiden Aspekten Rech­nung tragen können.

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